
Neues aus dem Freundeskreis Religiöse Toleranz wächst durch Wissen und Begegnung
Der Freundeskreis in München setzt in seinen Angeboten ganz bewusst auf die Begegnung mit jüdischen und muslimischen Gemeinden. Welcher Gedanke dahinter steckt und was er mit Lessings „Nathan der Weise“ zu tun hat – darüber schreibt Barbara Kittelberger, Leiterin des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing in München.
Der Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing in München hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen aktiven Part im Miteinander der Religionen zu spielen und zu einem friedlichen Miteinander in der Gesellschaft beizutragen. Dazu besuchen wir seit Jahren religiöse Orte des Judentums und des Islam in München. So haben wir in den vergangenen Jahren z.B. in der liberalen Gemeinde Beth Shalom am Vorabend des Schabbat am Abendgebet und dem anschließenden gemeinsamen Essen – also an der Kabbalat Schabbat – teilgenommen und lernten die Gemeinschaft und die Rituale kennen. Ebenso war es uns möglich, im Münchner Forum für Islam im Ramadan Gäste beim Fastenbrechen zu sein. Dazu gehört das Beten ebenso wie das gemeinsame Essen. Bei diesen beiden Veranstaltungen kamen wir ins Gespräch mit dem Rabbiner bzw. dem Imam, aber auch mit Gemeindemitgliedern, die sich im Vorstand oder in der Jugendarbeit engagieren. Wenn wir auf die gemeinsame Bindungskraft der Religionen vertrauen und damit zu einer offenen und toleranten Stadtgesellschaft beitragen, dann kommt es auf Begegnungen mit und Beziehung zu den Menschen an, die so von Fremden zu Freunden werden können. An die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen zu erinnern, geschieht spielerisch und bietet immer wieder überraschende Einblicke und Perspektiven, Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Der Freundeskreis in München führt seit Jahren kleine „Exkursionen an besondere Orte der Stadt“ durch. Leitend für die Zusammenstellung und Planung der Besuche von religiösen Orte ist die Ringparabel aus „Nathan der Weise“ von Gottholt Ephraim Lessing. Diese Parabel handelt von einem Vater, der seine drei Söhne liebt und jedem von ihnen einen Ring vererbt. Der Vater lässt die Ringe ununterscheidbar anfertigen, um zu verhindern, dass einer bevorzugt wird. Die Söhne beginnen zu streiten, welcher Ring der echte ist, und suchen schließlich Rat beim Richter. Der Richter verdeutlicht ihnen, dass keiner von ihnen den wahren, einzigen und echten Originalring besitzt. Vielmehr repräsentieren die unterschiedlichen Ringe die drei großen monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Jeder Ring bringt einzigartige Eigenschaften mit sich, welche sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede aufzeigen. Gerade die Verschiedenartigkeit ist entscheidend für den interreligiösen Dialog, da sie Verständnis und Verständigung als Basis für Toleranz notwendig macht und gleichzeitig ermöglicht.
So gelingt es uns immer wieder, miteinander unterwegs zu sein – achtsam und offen für die Not und Sorge; neugierig und voller Freude, dass jüdischen Leben im Herzen der Stadt seit 20 Jahren mit der Ohel Jakob Synagoge zuhause ist. Dieser Kreis schließt sich, wenn wir im Dezember die restaurierte Synagoge in der Reichenbachstraße besuchen. Gleichzeitig erfreuen wir uns an unterschiedlichen Begegnungen mit Muslimen. Ein Höhepunkt in diesem Jahr war die Teilnahme an einem muslimische Fastenbrechen in den Räumen der einladenden jüdischen Gemeinde Beth Shalom mit Gästen aus beiden christlichen Kirchen. Das war ein außergewöhnliches Fest und ein besonderes Erlebnis für die Mitglieder des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing in München.
Wenn wir Christ:innen uns nun im Herbst dem Ende des Kirchenjahres nähern, kann die Begegnung mit anderen Religionen zeigen, dass wir nicht die einzigen sind, die einen Jahreskreis mit entsprechenden Feierlichkeiten pflegen. Durch interreligiöse Begegnung stärken wir unsere Seele und unser Leben.
Stadtdekanin i.R. Barbara Kittelberger